Oktober 2008

Hund und Herrchen

Egal, von welcher Art und Rasse,
ob tief er bellt, ob hoch er kläfft,
der Hund macht alles auf der Straße -
und auf die Straße sein Geschäft.

Die Katze ist da etwas feiner:
sie hat ihr Klo, auf das sie geht
und wie sie liebt, das sah noch keiner -
man hört es höchstens, abends spät.
Der Hund dankt stets für jede Strafe,
er leckt die Hand, die ihn versehrt.
Er ist des Herrchens treuster Sklave -
doch meistens ist es umgekehrt.

Heinz Erhardt

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1. Oktober

Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
unchristlich oder christlich,
ist doch die Welt, die schöne Welt,
so gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz -
stoß an und lass es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
und ehe sie verfließen,
wir wollen sie, mein wackrer Freund,
genießen, ja genießen!

Theodor Storm

2. Oktober

Der brave Kutscher

Als ich heute Morgen durch die Straßen ging, sah ich in einer Straße viele Menschen beisammen stehen. Die elektrischen Bahnen hielten in langer Reihe hintereinander. Droschken und andere Wagen konnten nicht von der Stelle. Was war geschehen?
Auf dem glatten Pflaster war ein Droschkenpferd gestürzt. Nun lag es auf den Straßenbahnschienen und konnte sich nicht erheben, und viele Leute hatten auf einmal Zeit, sich das Schauspiel anzusehen. Die Fahrer und Schaffner der Straßenbahn kamen hinzu und versuchten zu helfen. Aber der Kutscher wollte sich nicht helfen lassen. Das Pferd hatte im Falle die Deichsel der Droschke zerbrochen, und darüber mochte er nicht sehr erfreut sein. Er ergriff den Zaum und die Peitsche und schlug das Pferd. Das Tier versuchte zwar, sich aufzurichten, aber seine Hufe glitten jedes Mal aus, so dass es immer wieder zur Seite fiel.
Da kam ein anderer Kutscher hinzu, und als er sah, warum das Tier nicht aufstehen konnte, griff er, ohne seinen Kameraden zu fragen, selbst mit an, um dem Tiere aufzuhelfen. Er spannte es völlig aus, schob die Droschke weit zurück, so dass sie dem Pferde beim Aufstehen nicht im Wege stand, nahm dann eine Pferdedecke und legte sie unter die Vorderfüße des Tieres. Nun streichelte er ihm den Hals, hob ihm den Kopf in die Höhe und rief ihm ermunternde Wort zu. Das Tier versuchte es jetzt nochmals aufzustehen. Seine Hufe gewannen auf der Decke einen Halt, und mit einem Satze stand es auf den Füßen.
„Warum nicht gleich so?“, rief einer der Umstehenden lachend, und die Leute verliefen sich schnell.
Wieder einmal etwas aus meinem alten Lesebuch

3. Oktober

Das Pferd sagt zum Knecht

Bergauf treib mich nicht,
bergab reit mich nicht,
ebnen Wegs schon mich nicht,
im Stall vergiss mich nicht.

Volksgut

4. Oktober

Kartoffeln

Die Vereinten Nationen haben 2008 zum „Internationalen Jahr der Kartoffel“ ausgerufen. Grund genug, die vielseitigen Knollen mit leckeren Gerichten gebührend zu feiern. Der Aufwand muss dabei nicht groß sein. Denn kulinarische Raffinesse verbirgt sich oft in den ganz einfachen Genüssen – vorausgesetzt, sie werden perfekt zubereitet. Mit dem Know-how wird selbst das allseits beliebte Kartoffelpüree zum exquisiten Kartoffelschaum.

Schon Jahrhunderte, bevor die Spanier die Neue Welt entdeckten, bauten die Ureinwohner Südamerikas Kartoffeln an. Und was für verrückte Knollen es damals gab! Die Indios kannten Hunderte von Sorten in den verschiedensten Farben von Gelb über Rot und Lila bis hin zu bunt gescheckten Exemplaren. Ihre Knollen waren allerdings auch deutlich kleiner und kratzten etwas im Hals, denn sie enthielten noch Spuren von Solanin. Das ist ein leicht giftiger Stoff, der sich in den grünen Blättern und in den vergrünten Knollen befindet. Erst in Europa und durch jahrelange Züchtung wurde den Knollen das Solanin "ausgetrieben", und sie erreichten dadurch auch erst ihre heutige stattliche Größe. Leider blieb im Laufe der Zeit ihre Farbenvielfalt auf der Strecke und moderne Sorten gibt es nur noch mit gelbem Fleisch. Aber bei Kartoffel-Liebhabern konnten doch einige alte Sorten überleben, und die bekommen wir glücklicherweise wieder als Pflanzkartoffeln. Sie schmecken hervorragend und sind beileibe nicht nur einfarbig. Da gibt es sie mit rosaroter Schale. Oder mit violetter, deren Knolle außen dunkellila und innen lila-weiß gemustert ist. Das ist ein Spaß, wenn man z.B. den Kindern ohne eine „Vorwarnung" bunte Kartoffeln serviert! Viele der alten Sorten sind aber auch ganz brav gelb gefärbt und zeichnen sich durch besonders aromatisches oder festkochendes Fleisch aus.

5. Oktober

Abschiedsworte an Pellka

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
du Ungleichrunde,
du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
du Vielgequälte,
du Gipfel meines Entzückens.

Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! -- Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Musst nicht so ängstlich dampfen.

Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist so ein rührend junges Blut.
Deshalb schmeckst du besonders gut.

Wenn das auch egoistisch klingt,
so tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, dass du eine Edelknolle
warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.

Ringelnatz, Joachim

6. Oktober

Überwinterung von Balkonpflanzen,

(wie z. B. Fuchsien, Geranien, Margeriten und andere Mehrjährige) ist für viele ein großes Problem. Deshalb trennt man sich oft im Herbst von ihnen, vor allen Dingen dann, wenn ein Nachtfrost ihr Lebenslicht ausgeblasen hat. Das ist verständlich, denn in vielen Häusern gibt es kaum Überwinterungsmöglichkeiten. Auf dem Land ist das schon ein bisschen anders. Dort können Vorratsräume, Stallungen und ähnliches dafür verwendet werden und man tut das auch gern, denn es geht ganz schön ins Geld, wenn man für die zahlreichen Fenster im Frühjahr eine komplette Neubepflanzung anschaffen muss.
Man möchte die Überwinterungsphase so kurz wie möglich halten, denn wirklich ideale Bedingungen haben nur wenige. Meist sind die Räume zu dunkel. Wer sein Gewächshaus für diesen Zweck nutzen kann, ist fein heraus. Dort hat man die Pflanzen auch gut unter Kontrolle, während man sie im Keller oder ähnlichen Räumen leicht einmal vergisst. Das darf möglichst nicht passieren, denn besonders in der Anfangszeit ist eine gute Betreuung wichtig. Absterbendes Laub muss regelmäßig entfernt werden, damit keine Fäulnisherde entstehen. Nur die wenigsten Pflanzen dürfen wir vollkommen trocken halten, wie z.B. Geranien.
Wohldosierte Wassergaben sind bei den meisten Pflanzen erforderlich und vor allem das regelmäßige und reichliche Lüften.
Pflanzkrankheiten und Schädlinge können beträchtliche Schäden anrichten. Darum ist eine regelmäßige und gewissenhafte Kontrolle vonnöten. Auch die Blattunterseiten und Blattfaltungen müssen wir prüfen, denn Woll- und Schildläuse halten sich dort mit Vorliebe auf. Wenn wir jetzt mit den geeigneten Mitteln den Anfängen wehren, können wir uns im Frühjahr an gesunden Pflanzen freuen.

Über Geranien berichte ich auf folgender Seite: http://www.gottiswelt.de/gedichte/geranien.htm

7. Oktober

Der Sommer, der Sommer,
ach Gott, was fang ich an?
Man sieht nicht Korn noch Blumen mehr,
und alle Felder stehen leer.
Ach Sommer, ach Sommer,
ach Sommer, du musst gahn.

Was gestern grün, vergeht geschwind,
und durch die Wälder fährt der Wind.
Der Herbstwind hat sich eingestellt,
er jagt die Blätter übers Feld.
Die Welt will weißes Kleid anziehn,
die Sonn darf nicht mehr früh aufstehn.

Aus Gottfried Wolters „Das singende Jahr“

8. Oktober

Knutschfleckengeranie

Die niedliche Knutschfleckgeranie ist ein ganz unermüdlicher Dauerblüher für Balkon oder Terrasse. Sie heißt in Fachkreisen "Angeleyes", was übersetzt "Engelsaugen" bedeutet, und begeistert durch ihre kugelige, kompakte, leicht überhängende Wuchsform und ihren ungeheuren Blütenreichtum:
Massen und Massen von süßen kleinen Blüten mit Kuss-Mund-Gesichtern erscheinen von Mai bis Oktober, und ziehen alle Blicke auf sich. Botanisch betrachtet ist die Knutschfleckgeranie eine Pe/argonium zonale-Hybride und daher nah mit unserer normalen Balkongeranie verwandt. Und genau wie diese ist sie pflegeleicht und anspruchslos. Die Engelsaugen brauchen sogar etwas weniger Wasser und Dünger als ihre großblumigen Verwandten. Natürlich lässt man die Pflanzen trotzdem nie austrocknen, aber schlimmer noch wäre es, die Erde zu nass zu halten, denn dann kann es zu Wurzelfäulnis kommen.
Es genügt, wenn man während der Wachstumszeit alle zwei Wochen mit Flüssigdünger gießen. Auch Langzeitdünger sind zur Nährstoffversorgung gut geeignet. Das Kussmund-Blümchen möchte an einem sonnigen und vor Regen geschützten Platz stehen. Dabei ist es der Pflanze egal, ob sie einen Topf ganz allein für sich hat oder mit anderen zusammen im Balkonkasten wächst - nur sollte man Begleiter aussuchen, die nicht zu üppig wachsen und dadurch die Knutschfleckgeranie zu sehr bedrängen.

9. Oktober

Herbstlied

Der Frühling hat es angefangen,
der Sommer hat's vollbracht.
Seht, wie mit seinen roten Wangen
so mancher Apfel lacht!

Es kommt der Herbst mit reicher Gabe,
er teilt sie fröhlich aus,
und geht dann wie am Bettelstabe,
ein armer Mann, nach Haus.

Voll sind die Speicher nun und Gaden,
dass nichts uns mehr gebricht.
Wir wollen ihn zu Gaste laden,
er aber will es nicht.

Er will uns ohne Dank erfreuen,
Kommt immer wieder her:
Lasst uns das Gute drum erneuen,
dann sind wir gut wie er.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 

10. Oktober

An der Fähre

Vor vielen Jahren sollte einmal ein Fährmann eine Ziege, einen Wolf und einen Korb Kohl über den Rheinstrom fahren. Allein sein Schiffchen war so klein, dass er von den dreien auf einmal nur eins aufnehmen konnte.
Zuerst lud der Fährmann den Wolf ins Schiffchen; allein da machte sich die Ziege sogleich an den Kohl und der Schiffer musste wieder umkehren.
Nun nahm er den Kohl ins Schiffchen; aber o weh! Der böse Wolf packte alsbald die Ziege an und der Fährmann musste abermals zurückkehren.
Hierauf lud er die Ziege ins Schiffchen und führte sie über den Strom. Der Wolf machte große Augen und sah ihr nach, den Kohl aber ließ er unberührt.
Was jetzt zu tun war, wusste der gute Fährmann selber nicht und kratzte sich hinterm Ohr. „Hole ich den Wolf“, sagte er sich, so beißt er mir die Ziege; hole ich aber den Kohl, so ist er nicht sicher vor der Geiß. Wie soll ich’s nun machen?“

Rudolphi

11. Oktober

Meeresstille! Aus den Wellen
taucht hervor ein kluges Fischlein,
wärmt das Köpfchen in der Sonne,
plätschert lustig mit dem Schwänzchen.

Heinrich Heine

12. Oktober

Bitterling

Der Bitterling ist der kleinste Vertreter der Karpfenfische und vom Aussterben bedroht. Deshalb hat der Verband der Deutschen Sportfischer das nur sechs bis neun Zentimeter große Tier zum Fisch des Jahres 2008 ausgerufen. Zusätzlich wollte die Jury auf die Gefährdung seines Lebensraumes aufmerksam machen.
Denn auch um das Ökosystem Wasser ist es schlecht bestellt. Für Angler und Feinschmecker sind Bitterlinge uninteressant, denn erstens schmeckt ihr Fleisch bitter, wie der Name schon sagt, und zweitens sind sie viel zu klein, als dass sich ein Fang lohnen würde.
Umso lohnender ist es allerdings, den Bitterlingen bei der Fortpflanzung zuzusehen. Denn ihre Art ist in der Fischwelt einmalig.
Die meiste Zeit des Jahres leben die Bitterlinge unscheinbar in der seichten Uferzone von Bächen, Teichen und Seen. Sie lieben leichten Bewuchs, denn so finden sie Versteckmöglichkeiten – und sie brauchen Weichtiere als Mitbewohner ihres Lebensraums, nämlich Teich-, Maler- oder Fußmuscheln. Die Muscheln sind ein Muss im Bitterlingbiotop, denn ohne sie können Bitterlinge zwar leben, aber nicht überleben.
Im späten Frühjahr legt das Bitterlingsmännchen sein Hochzeitskleid an. Seine Hauptschmuckstücke sind die seitlichen Smaragdbroschen. Bevor er sich aber auch um ein Weibchen bemüht, muss er sein Revier sichern. Im Zentrum dieses Reviers ist immer eine Muschel, die ihre harte Schale als Kinderstube und Wiege für die Bitterlingnachkommen zur Verfügung stellt. Hat ein Bitterling ein Revier erobert, verteidigt er es vehement gegen alle Konkurrenten. Weibchen allerdings sind willkommen. Die Weibchen haben kein Hochzeitskleid, ihre Laichbereitschaft wird durch die verlängerte Legeröhre signalisiert, die dann von wenigen Millimetern auf Streichholzlänge anwächst. Wenn sich ein Bitterlingspaar gefunden hat, passiert etwas für die Muschel vollkommen Unerwartetes. Wenn die Muschel zum Luftholen ihre Schalenklappen etwas erweitert, schiebt das Bitterlingsweibchen seine Legeröhre in die Atemöffnung und legt ein paar Dutzend stecknadelkopfgroße Eier in den Kiemenraum der Muschel. Gleich darauf schwimmt das Männchen über die Atemöffnung und stößt eine Spermawolke aus, die beim nächsten Atemzug eingesogen wird. So werden die Eier befruchtet. Die Eier und die nach drei Wochen schlüpfenden Jungfische wachsen so vollkommen geschützt in der Muschel auf, bestens versorgt mit frischem Wasser.
Nahrung brauchen die jungen Bitterlinge in der Muschel nicht, denn sie werden über den Dottersack, den sie aus dem Ei mitgenommen haben, versorgt. Der Dottersack befindet sich hinter dem Kopf der Jungfische und hat noch eine weitere Aufgabe zu erfüllen.
Damit die Fischlein nicht beim Atmen der Muschel ausgestoßen werden, klemmen sie sich mit dem Dottersack in die Kiemen ihres Wirtes fest. Nach wenigen Tagen verlassen die Fische die Amme. Der Muschel entsteht kein Nachteil. Es kann auch ein Synergieeffekt auftreten. Nehmen die Muscheln nämlich die Fische wahr, stoßen sie ihre eigenen Larven aus, die sich an den Fischkörper heften und von ihm zu neuen Standorten transportiert werden. Diese Synergie macht deutlich, dass Tiere, Pflanzen und ihr Lebensraum nicht isoliert voneinander betrachtet werden dürfen.

13. Oktober

Am fließenden Wasser

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,
durchsichtig fließen die Wogen,
und senkrecht ob ihm hat sein Rund
ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn
zuhöchst im Himmelsdome;
Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht
ins Blaue durch seine Welle.
Ich glaube gar, das Sehnen zieht
eins an des andern Stelle!

Gottfried Keller

14. Oktober

Wo ist der Fisch?

Wo war der Fisch heute früh? Da plätscherte er noch lustig im klaren Bach herum, sein Schuppenkleid glänzte und die roten Flossen leuchteten in der Sonne. Er haschte nach den Gefährten, versteckte sich zwischen den Steinen und schoss dann wieder eilig mit der Strömung vorwärts. Gewiss hätte er gelacht und ein fröhliches Lied gesungen, wenn er nicht als Fisch stumm auf die Welt gekommen wäre. Als er von der Bewegung Hunger bekam, suchte er sich Würmchen auf dem Grund oder hob den Kopf aus dem Wasser und schnappte nach tanzenden Mücken; aber nur selten erwischte er eine. Plötzlich tanzte ihm ein auserlesener Leckerbissen vor den Augen, ein dicker, rötlich schimmernder Regenwurm. Er stutzte. Wo kam der her? Aber schon schossen die Fischlein von allen Seiten drauf los, da besann er sich nicht länger und schnappte zu. O weh! Ein Ruck und er zappelte in der Luft, zwei Knabenhände ergriffen ihn und warfen ihn in einen engen dunklen Raum, wo er schon mehrere seinesgleichen vorfand. Wohl war das ein Trost, aber wie sie auch alle mit den Schwänzen um sich schlagen mochten, sie konnten sich nicht befreien. Endlich aber öffnete sich die Tür doch einmal wieder; alle Gefangenen wurden herausgenommen und in einen großen Topf geworfen. Helle Kinderstimmen begrüßten jeden einzeln, besonders unsern schlanken Freund im Silberröckchen; aber die Mutter der Kleinen, die zusah, wie ihr
Ältester die Fische auspackte, sagte: „Den Katzenfisch könnt ihr behalten!“ Da griffen die Kinderhände hastig nach ihm und als er sich wehrte und fortschnellte auf den Boden, wurde er eingefangen und in einen Kübel mit klarem Wasser geworfen, der im Hof stand. Patsch, lag das Fischlein wieder in seinem Element. Begierig sog’s das Nass ein, denn es war furchtbar durstig geworden, auch machte er gleich Schwimmversuche. Gradaus war die Strecke zu kurz, da stieß es sofort mit dem Kopf an die Wand, so schwamm es im Kreise herum und fand, dass es auch auf diese Weise ging. Eine Weile freuten sich die drei Kinder an seinen Bewegungen, dann berieten sie, wie sie sich eine Angelrute verschaffen konnten, um „Fischen“ zu spielen und liefen davon.
Kaum waren sie fort und unser Fisch merkte eben, dass ihm von der ungewohnten Bewegung in die Runde anfing ganz schwindlig zu werden, da fühlte er, wie das Wasser schwankte und aufblickend, gewahrte er ein graues Ungetüm an der Wand des Behälters, das ihn mit grünlich schimmernden Augen starr betrachtete. Hu, wie er sich fürchtete!
„Miau!“, klang es langgezogen. Die grünen Augen folgten jeder Bewegung, dem armen Fisch wurde immer schwindliger, hilflos trieb er gegen die Holzwand. Da – ein leises Fauchen, das Ungetüm schnappte zu und lief mit dem Fischlein im Maul davon.
Fünf Minuten später umstanden die Kinder mit der Angelrute staunend das Holzgefäß. „Wo ist der Fisch?“ – Ja, wo?

Wilhelm Kaulbach

15. Oktober

Menschen können Gefahr riechen

Die Nase ist täglich zahllosen Gerüchen ausgesetzt. Wird einer dieser Düfte zusammen mit einem unangenehmen Reiz wahrgenommen, so speichert ihn das Gehirn ab. Das belegt eine Studie aus Chicago. Darin präsentierten Neurologen den Teilnehmern jeweils zwei sehr ähnliche Geruchspaare. Erhielten die Personen beim Riechen von einem der beiden Düfte einen elektrischen Schlag, so konnten sie diesen Geruch später eindeutig identifizieren. Diese wohl uralte Fähigkeit sichert das Überleben des Menschen.

16. Oktober

Die Rechnung

Eines Abends, als die Mutter gerade das
Abendessen kochte, kam der elfjährige Sohn in
die Küche, mit einem Zettel in der Hand. Er
überreichte den Zettel mit einem seltsamen,
amtlich anmutenden Gesichtsausdruck seiner
Mutter, die sich daraufhin die Hände in der Schürze
abwischte, den Zettel entgegennahm,
und zu lesen begann:

Für das Jäten des Blumenbeetes: 2 Euro
Für das Aufräumen meines Zimmers: 8 Euro
Weil ich Milch holen gegangen bin: 1 Euro
Weil ich drei Nachmittage auf meine kleine
Schwester aufgepasst habe: 12 Euro
Weil ich zwei Einser bekommen habe: 8 Euro
Weil ich jeden Tag den Müll raus bringen: 3 Euro
Insgesamt: 34 Euro.

Die Mutter blickte sanft ihren Sohn an. Es
kamen ihr unzählige Erinnerungen ins Gedächtnis.

Dann nahm sie einen Stift, und begann auf
einen anderen Zettel zu schreiben:

Für neun Monate lang unter meinem Herzen tragen: 0 Euro
Für alle durchwachten Nächte, die ich an
deinem Krankenbett verbracht habe: 0 Euro
Für das viele Im-Arm-halten und Trösten: 0 Euro
Für das Auftrocknen deiner Tränen: 0 Euro
Für alles, was ich dir Tag für Tag beigebracht habe: 0 Euro
Für jedes Frühstück, Mittagessen, Brotzeit,
Semmeln und alles, was ich dir zubereitet habe: 0 Euro
Für mein Leben, was ich dir jeden Tag gebe: 0 Euro
Insgesamt: 0 Euro

Als sie fertig war, gab die Mutter mit einem Lächeln
den Zettel ihrem Sohn in die Hand.
Das Kind las es
und zwei große Tränen liefen aus seinen Augen.

Dann drückte er den Zettel an sein Herz
und schrieb im Anschluss auf seine eigene Rechnung:

BEZAHLT ...

Bekam ich von einer Mail-Freundin geschickt

17. Oktober

Die Armensuppe

Auf der Gemeindewiese, draußen vor dem Städtlein, hielt dicht neben der Landstraße ein zweirädriger Töpferkarren mit übergespanntem Leinendach, an dessen Seiten große und kleine Töpfe aller Art aufgehängt waren, deren Farben in der Sonne glänzten. Der große Ziehhund war abgesträngt, lag im Schatten des Karrens und schien zu schlafen, während er doch ein wachsames Auge auf jeden Vorübergehenden hatte.
Ein Stück davon, unter einem Baum, saß die kranke Frau des Kärrners und neben ihr im Gras spielten die Kinder. Der Vater war mit einem großen Bündel Töpfe in den Ort gegangen, um sie zu verkaufen und die Frau wartete in Sorgen darauf, dass er zurückkommen und Geld mitbringen sollte. Seit einer Reihe von Tagen schon litten sie Not, die Einnahme war schlecht gewesen und hatte kaum zu Brot gereicht und zu einem Schluck Milch für die Kleinen; der Kranken aber wäre eine warme Suppe so nötig gewesen. Zenz, die siebenjährige Älteste, teilte der Mutter Sorgen und wartete mit ihr auf des Vaters Rückkehr. Aber Stunde auf Stunde verging und er kam nicht. Sa sagte das Kind: „Mutter, ich will einen Topf nehmen und zu den Leuten gehen, vielleicht, dass mir eins von ihnen a bissel Suppe gibt!“
Die Mutter nickte. „Geh nur, versuch’s!“

Nun lief die Kleine, so schnell sie konnte, bis an die ersten Häuser, aber an einer Tür nach der andern stand sie still und wagte sich nicht hinein. Das Betteln war so schwer; vielleicht schickte man sie mit bösen Worten fort.
Als sie so zögernd auf der menschenleeren Straße stand, kam ein kleines Mädchen daher, das gleichfalls einen großen leeren Topf trug. Neugierig schaute es im Vorbeigehen auf die Fremde, und diese folgte ihr unwillkürlich. Schon nach wenig Schritten lief das Blondköpfchen in eine enge Seitengasse hinab und verschwand hinter einem alten, hohen Hause. Die kleine Zenz hörte helle Kinderstimmen, und als sie an die offene Pforte eines niedrigen Mäuerleins trat, sah sie eine essende und schwatzende Gesellschaft vor sich. Auf einer Seitenbank längs der Hauswand saß ein Kind neben dem andern, und ein alter Klosterbruder mit freundlichem Gesicht, der in der Tür stand, füllte alle dargereichten Töpfe mit dampfender Suppe. Wie einladend das aussah!
Jetzt kam auch ihre kleine Bekannte schon zurück, die Ärmchen konnten den schweren Topf kaum tragen und im emporgehobenen Röckchen hielt es noch ein großes Stück Brot. Diesmal ging sie nicht vorüber, sondern blieb bei der Fremden stehn. „Trau’ dich nur mit deinem Töpfle hinein, bekommst schon was!“, sagte sie.
Und der freundliche Alte bemerkte kaum das schüchtern sich nähernde Kind, als er fragte, woher es käme und wer es sei. Da erzählte Zenz von aller Not, bekam auch einen Topf voll Suppe, der gute Klosterbruder versprach, nach der kranken Mutter zu sehen und fröhlich machte sie sich auf den Heimweg.

Hermann Kaulbach

18. Oktober

Die Geschichte vom Suppenkaspar

Der Kaspar, der war kerngesund,
ein dicker Bub und kugelrund,
er hatte Backen rot und frisch;
die Suppe aß er hübsch bei Tisch.

Doch einmal fing er an zu schrei'n:
Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess' ich nicht!

Am nächsten Tag - ja, sieh nur her!-
da war er schon viel magerer!
Da fing er wieder an zu schrei'n:
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess' ich nicht!

Am dritten Tag, 0 weh und ach!
Wie ist der Kaspar dünn und schwach!
Doch als die Suppe kam herein,
gleich fing er wieder an zu schrei'n.
Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess' ich nicht!
Am vierten Tage endlich gar
der Kaspar wie ein Fädchen war.
Er wog vielleicht ein halbes Lot
und war am fünften Tage tot.

Heinrich Hoffmann

19. Oktober

Der Drachen

 

„Hu, hu, was fliegt da für ein großer Vogel in der Luft? Es ist ein Ungeheuer, das uns auffressen will!“ So schreien die Vögelein, die über dem Felde in der Luft hin und her flogen. Sie flatterten ängstlich und suchten ihre Nester und Winkel.
Eine Schwalbenmutter, die zu ihren Kinderchen kam, erzählte ihnen von dem schrecklichen Dinge, das da in der Luft schwebte: Es hatte rote Augen, ein rotes Maul, ein breites Gesicht und einen langen, langen Schwanz, den es immer hin und her schlängelte. Ich habe vor lauter Angst die Fliege fallen lassen, die ich schon im Schnabel hatte und euch bringen wollte. Und die jungen Schwalben duckten sich furchtsam und krochen der Mutter unter die warmen Flügel; denn da waren sie doch ganz sicher und geborgen.
Nur die freisten Sperlinge sprachen untereinander in ihrer Sperlingssprache: „Wir wollen uns das närrische Ding doch mal etwas näher besehen, wir glauben noch gar nicht, dass es ein böser Raubvogel ist.“ Sie flogen grade darauf los; da merkten sie, dass das Ding von Papier sei, dass ihm Auge und Mund von roter Farbe angemalt waren und der fürchterliche Schwanz nichts weiter als ein Faden war, an dem kleine Papierstreifen hingen. Die wehten freilich tüchtig im Winde, aber die Sperlinge fürchteten sich nicht.
Die Sperlinge sagten es den anderen Vögeln und die schämten sich nun, dass sie sich so gefürchtet hatten.

Klemens Ernst

20. Oktober

Was die Tiere lernen

Die Enten lernen schnattern,
die Fledermäuse flattern.
Die Hähne lernen krähen,
die Schafe lernen bähen.
Die Tauben lernen fliegen
und meckern alle Ziegen.
Die jungen Störche klappern,
die Stare lernen plappern.
Das Mausen lernt das Kätzchen,
und schmausen lernt das Spätzchen.
Die Alten zeigen, wie sie’s gemacht,
die Jungen folgen und geben acht
und machen es dann selber.

Die Bienen lernen sparen,
arbeiten und verwahren.
Die Spinnen lernen weben,
der Sperber übt das Schweben.
Die Fische lernen schwimmen,
Eichhörnchen lernen klimmen.
Das Brüllen lernt das Kälbchen
und bauen lernt das Schwälbchen.
Und Fink, Lerch’ und Nachtigall,
die Amseln und die Vögel all,
die lernen süßen Liederschall!
Die Alten zeigen, wie sie’s gemacht,
die Jungen folgen und geben acht
und machen es dann selber.

Volksgut

21. Oktober

Der Labrador Retriever stammt

von der kanadischen Ostküste der Gegend Neufundlands. Er half bei der Jagd mit und holte abgetriebene Fisch aus dem Meer. Im 19. Jahrhundert wurde er von Fischern nach Großbritannien gebracht - und hier taufte man ihn "Labrador", entsprechend seiner Herkunft. ,to retrieve" bedeutet übrigens "zurückholen, apportieren". Ein Retriever, also ein Apportierhund, hat im Allgemeinen ein "weiches Maul", das heißt, er bringt die Beute unversehrt zu seinem Herrchen.
Kaum in Großbritannien angekommen, wurde der Labrador schnell von jagenden Adligen angenommen. Von nun an legte man bei der Züchtung großen Wert auf seine jagdliche Leistungsfähigkeit.
Im 20. Jahrhundert wurde der Labrador-Retriever als eigenständige Rasse anerkannt.

22. Oktober

Hund in der Wüste

Ich bin allein auf weiter Flur,
nur Sand und Sand und Wüste nur.
Wohin ich schau kein Baum, kein Strauch,
mir ist so sonderbar im Bauch.
Ich möchte gern mein Beinchen heben
und irgendetwas von mir geben.
Doch rings ist alles flach und kahl.
Kein Eckchen, kein Laternenpfahl,
noch nicht einmal der kleinste Winkel,
wohin ich armer Köter pinkel.

Ja, wenn ich nur ein Bastard wäre,
aber so - geht's gegen die Hundeehre.
Ich bin als edler Hundesohn
ein Opferlamm der Tradition.
Bei meinen Ahnen war's so Brauch,
Parole d'honneur, so halt ich's auch.
Ich hätt längst mein Geschäft verrichtet,
doch alter Adel der verpflichtet.

Nun hüll ich mich in einen Traum,
erträum mir einen schönen Baum,
da mag es dann getrost passieren,
dafür kann ich nicht garantieren.
Im schönsten Frieden schlaf ich ein

und träume: Immer hoch das Bein!

Fred Endrikat (1890-1942)

23. Oktober

Die Gartenchrysantheme

Wenn wir von der "guten, alten" Gartenchrysantheme sprechen, ahnen wir meist nicht, wie Recht wir haben: Sie ist seit über 2000 Jahren bekannt und somit eine der ältesten Zierpflanzen der Welt.
Zu uns kam sie allerdings erst im 18. Jahrhundert, und zwar den langen Weg von China und Japan.

Dort, im Reich der Mitte, wurde ihr von den chinesischen Gelehrten besondere Achtung entgegengebracht, gehörte sie doch zu den "vier Edlen" des Pflanzenreiches: Pflaume, Orchidee, Bambus und Chrysantheme.

In Japan ist sie Nationalblume und die Symbolblume des Kaiserhauses. Man fand die Pflanze für wert, das Wappen der Kaiser-Familie zu schmücken. "Kiku", das heißt Abendsonne, nennen die Japaner diese Blume, die zu einem Stück ihrer Kulturgeschichte geworden ist.

Man liebt in Asien nicht nur Form und Farbe der Blume, sondern schreibt ihr auch Heilkraft zu. Chrysanthementee und -wein wird bei Erkältungen angewandt.
Sie hat beruhigende Wirkung und hilft bei spannungsbedingtem Schwindel und Kopfweh.

Auch wir kennen die Pflanze nicht nur als Zierpflanze, sondern auch als Speisechrysantheme. Man sät sie am besten selbst aus und erntet die Pflanzen, wenn sie etwa 10 bis 20 cm hoch sind. Sie werden entweder gedünstet oder zum Würzen und Dekorieren wie Petersilie verwendet. Man kann Saatgut von japanischen und chinesischen Sorten kaufen. Und, wenn es auch dekorativ aussieht, sollte man nie Blätter von Chrysanthemen aus dem Blumenladen über den Salat streuen, denn diese sind chemisch behandelt.

24. Oktober

Herbstlich sonnige Tage,
mir beschieden zur Lust,
euch mit leiserem Schlage
grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
nun in seliger Ruh’!
Jede schmerzende Wunde
schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
still an sich selber zu baun,
fühlt sich die Seele getrieben
und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
lausch ich mit stillem Bemühn,
jedem Wachsen und Sterben,
jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe,
was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
ist’s dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
die mit Düften sich füllt,
trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt

Emanuel Geibel - 1825 - 1884

25. Oktober

Wilde Eierbirne

Die Wilde Eierbirne ist die Streuobstsorte des Jahres 2008. Sie wurde 1854 erstmals von Eduard Lucas beschrieben. Ihre genaue Herkunft ist unbekannt, sie gilt in Süddeutschland als relativ stark verbreitet. Bekannt ist diese fruchtbare Birnensorte auch unter dem Namen Fischäckerin und Hosenbirne. Sie ist leicht mit der Grünen Winawitz und der Knollbirne zu verwechseln. Die mittelgroßen, länglich eiförmigen Früchte reifen Ende September bis Anfang Oktober. Der Farbumschlag der glatten Schale erfolgt dann von lichtgrün auf gelb, sonnenseitig rötlich bis rötlichbraun. Um den Kelch ist meist eine ganzflächige Berostung zu erkennen. Die hornartigen Kelchblätter stehen ab und sind an der Basis nicht verwachsen. Der kurze Stiel ist leicht behaart. Ihr feinkörnig, süßherbes gelblichweißes Fruchtfleisch wird von innen heraus teigig. Diese Eigenschaft und ihr Zuckergehalt von 15 Prozent machen aus ihr eine sehr gute Most- und Dörrbirne. Der mittelgroße Baum mit sehr schöner, gleichmäßiger kugelförmiger Krone (vergleichbar mit beschnittenem Buchsbaum) hat einen mittelstarken Wuchs und zeichnet sich mit seinem besonderen Erscheinungsbild als wertvolles, landschaftsprägendes Obstgehölz aus. Markant sind seine steil hochstehenden Äste mit kurzem, dickem Fruchtholz und den wildlederartigen Blütenknospen. Die mittelgroß bis großen, länglich eiförmigen Blätter sind anfangs noch behaart, später dunkelgrün glänzend und ganzrandig. Die Sorte blüht mittelfrüh. Der Baum beginnt relativ früh zu tragen, bringt regelmäßige Ernten und macht insgesamt einen sehr vitalen Eindruck. Dies ist sicher auch auf die Anpassungsfähigkeit an Boden und Klima sowie die geringe Krankheitsanfälligkeit zurückzuführen. Die Eierbirne ist auch relativ resistent gegen den Feuerbrand.

26. Oktober

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand,
und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: „Junge, wiste 'ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam
der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
trugen von Ribbeck sie hinaus.
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
sangen „Jesus meine Zuversicht“,
und die Kinder klagten, das Herze schwer:
„He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
und voll Misstraun gegen den eigenen Sohn,
der wusste genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat.
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
und in der goldenen Herbsteszeit
leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
so flüstert's im Baume: „Wiste 'ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane

27. Oktober

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmel ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir die andere an: es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke
(1878-1926)

28. Oktober

ELFENLIED

Um Mitternacht,
wenn die Menschen erst schlafen,
dann scheinet uns der Mond,
dann leuchtet uns der Stern;
Wir wandeln und singen
und tanzen erst gern.

Um Mitternacht,
wenn die Menschen erst schlafen,
auf Wiesen, an den Erlen
wir suchen unsern Raum
und wandeln und singen
und tanzen einen Traum.

Johann Wolfgang von Goethe

29. Oktober

Glücklichsein ist auch eine Frage der Einstellung

Jeder kennt Menschen, die sich verändert haben. So zeigt sich bei einem Klassentreffen, dass aus einem früher scheuen Mitschüler ein erfolgreicher Unternehmer oder aus einem Mauerblümchen eine Schönheit geworden ist. Lange Zeit galten Persönlichkeitsveränderungen als unmöglich. Inzwischen mehren sich jedoch die Hinweise aus der Positiven Psychologie, dass viele Charaktermerkmale auf erlernte Gewohnheiten zurückgehen. Mit einem anderen Verhalten aber sind neue Erfahrungen möglich.

Optimismus: Ist ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas halbleer oder halbvoll? Beide Antworten gelten. Optimisten sind aber nachweislich gesünder, glücklicher, beliebter und führen bessere Ehen als Miesepeter. Man soll auf Glücksmomente achten. Jeden Tag soll man sich drei positive Dinge: die Hilfsbereitschaft eines Nachbarn, ein Lob oder einen Wohlgeruch notieren. Nachhaltiger ist es, dafür ein Tagebuch zu führen. Zudem aufschreiben, wie die Zukunft aussehen soll und welche Schritte die aktuellen Lebensumstände verbessern könnten.

Leidenschaft: Die meisten Menschen haben eine Leidenschaft. Vielen ist diese jedoch noch nicht bewusst. Daher besteht der erste und wichtigste Schritt darin, herauszufinden, was einen wirklich interessiert. Wenn man sich also für die Unterwasserwelt interessiert, sollte man einen Tauchkurs belegen.

Freude: Muffige Zeitgenossen glauben häufig, man könne nur glücklich sein, wenn alles gut läuft. Weit gefehlt: Auch Rückschläge und Probleme gehören zum Leben. Wer diese bewältigt, hat noch mehr Grund zur Freude. Während negative Dinge automatisch kommen, gilt es, für positive Ereignisse offen zu sein. Die glücklichsten Menschen sind diejenigen, die Erfolge mit anderen teilen. Öfters mal ein Fest feiern – auch ohne Grund.

Mut: Entgegen der weit verbreiteten Meinung hat Mut weniger mit Furchtlosigkeit, sondern eher mit Entschlossenheit zu tun. Obwohl viele mutige Menschen in der jeweiligen Situation Angst empfinden, haben sie das Gefühl, tätig werden zu müssen. Menschen können Mut lernen. Erster Schritt: Sich darüber im Klaren werden, das einem wichtig ist. Wenn man am Arbeitsplatz eine Veränderung will, den Chef ansprechen.

30. Oktober

Wenn auch der Abend
kalt und traurig ist
und Regen rauscht,
ich singe doch mein Lied
zu dieser Frist,
weiß nicht, wer lauscht.

Wenn auch die Welt in
Krieg und Angst erstickt,
an manchem Ort
brennt heimlich doch,
ob niemand sie erblickt,
die Liebe fort.

Hermann Hesse

31. Oktober

Gestern, als ich jung war …


  
Der Geschmack des Lebens war als Regen auf meiner Zunge lieb,  
Ich machte Spaß beim Leben, als ob es ein dummes Spiel ist,  
Der Weg, den die Abendbrise, vielleicht eine Kerzenflamme neckt, 
Die tausend Träume, die ich träumte,  
Die herrlichen Sachen, die ich plante, ich, der immer gebaut werde, ach, auf schwachem und schaltendem Sand;  
Ich lebte durch Nacht und mied das nackte Tageslicht  und erst jetzt sehe ich, wie die Jahre wegliefen.  
 
Gestern, als ich jung war …  
So viele trinkende Lieder warteten, gesungen zu werden,  
So viele launische Vergnügen lagen in Laden für mich  
Und so viel Schmerz, den meine überwältigten Augen ablehnten zu sehen,  
Ich startete so schnell, dass Zeit und Jugend bei letztem abliefen,  
Ich hielt nie an, um zu denken, dass welches Leben überall darum war,  
Und jede Konversation - ich kann mich jetzt erinnern - betraf sich mit mir, mir, und sonst nichts bei allem.  
 
Gestern war der Mond blau,  
und jeder verrückte Tag brachte etwas Neues, um es zu machen,  
Ich benutzte mein magisches Alter, als ob es ein Zauberstab ist  
und sah nie die Verschwendung und die Leere darüber hinaus  
 
Das Spiel der Liebe, das ich mit Arroganz und Stolz spielte 
und jede Flamme, die ich zu schnell anzündete, starb schnell;  
 
Die Freunde, ich machte total, schien irgendwie weg zu treiben,  
Und nur ich bin auf Bühne übrig, um das Spiel zu beenden.  
Es gibt so viele Lieder in mir, der nicht gesungen werden,  
Ich empfinde den bitteren Geschmack der Tränen auf meiner Zunge,  
Die Zeit ist für mich gekommen zu bezahlen,  
für Gestern, als ich jung war …jung … jung …

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