Oktober 2021

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1. Oktober

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

2. Oktober

Als ich zum ersten Termin im Wartezimmer eines neuen Zahnarztes saß, sah ich eine seiner Urkunden, die seinen vollständigen Namen trug.
Plötzlich erinnerte ich mich, dass ein schlanker, fleißiger Junge  mit dem gleichen Namen im Gymnasium in meiner Klasse war, vor gut 30  Jahren. Als ich den Arzt dann jedoch sah, verwarf ich sofort jenen Gedanken. Dieser glatzköpfige, weißbärtige Mann mit  den tiefen Falten im Gesicht war viel zu alt, um in meiner Klasse gewesen zu sein.
 
Nachdem er meine Zähne untersucht hatte, fragte ich ihn dann doch, ob er das örtliche Gymnasium besucht hätte.
 
"Ja", antwortete er.
 
"Wann haben Sie Ihr Abi gemacht?"
 
"1972. Warum?"
 
"Sie waren in meiner Klasse", antwortete ich.
 
Er betrachtete mich ganz aufmerksam aus der Nähe und fragte dann: "Was haben Sie unterrichtet?"

3. Oktober

Der Zahnarzt

Nicht immer sind bequeme Stühle
ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
als auf den wohlbekannten Sesseln,
vor denen, sauber und vernickelt,
der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.

Er lächelt ganz empörend herzlos
und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Doch leider, unterhalb der Plombe
stößt er auf eine Katakombe,
die, wie er mit dem Häkchen spürt,
in unbekannte Tiefen führt.

Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
dringt vor er, bis zum Nervenfädchen.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
mit der er alsbald dir beweist,
dass du voll Schmerz im Innern seist.
Du aber hast ihm zu beweisen,
dass du im Äußern fest wie Eisen.

Nachdem ihr dieses euch bewiesen,
geht er daran den Zahn zu schließen.
Hat er sein Werk mit Gold bekrönt,
sind mit der Welt wir neu versöhnt
und zeigen, noch im Aug’ die Träne,
ihr furchtlos wiederum die Zähne,
die wir – ein Prahlhans, wer’s verschweigt –
dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

Eugen Roth

4. Oktober

Wer kennt es nicht, das Märchen der Brüder Grimm:

Von dem Tode des Hühnchens 

Auf eine Zeit ging das Hühnchen mit dem Hähnchen auf den Nussberg, und sie machten miteinander aus, wer einen Nusskern fände, sollte ihn mit dem andern teilen. Nun fand das Hühnchen eine große, große Nuss, sagte aber nichts davon und wollte den Kern allein essen. Der Kern war aber so dick, dass es ihn nicht hinunterschlucken konnte und er ihm im Hals stecken blieb, dass ihm angst wurde, es müsste ersticken.
Da schrie das Hühnchen: "Hähnchen, ich bitte dich, lauf, was du kannst, und hol mir Wasser, sonst erstick ich!"
Das Hähnchen lief, was es konnte, zum Brunnen und sprach: "Born, du sollst mir Wasser geben; das Hühnchen liegt auf dem Nussberg, hat einen großen Nusskern geschluckt und will ersticken!"
Der Brunnen antwortete: "Lauf erst hin zur Braut und lass dir rote Seide geben!" Das Hähnchen lief zur Braut: "Braut, du sollst mir rote Seide geben; rote Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen, das liegt auf dem Nussberg, hat einen großen Nusskern geschluckt und will daran ersticken!"
Die Braut antwortete: "Lauf erst und hol mir mein Kränzlein, das blieb an einer Weide hängen!" Da lief das Hähnchen zur Weide und zog das Kränzlein von dem Ast und brachte es der Braut, und die Braut gab ihm rote Seide dafür, die brachte es dem Brunnen, der gab ihm Wasser dafür.
Da brachte das Hähnchen das Wasser zum Hühnchen. Als er aber hinkam, war dieweil das Hühnchen erstickt und lag tot da., und regte sich nicht. Da war das Hähnchen so traurig, dass es laut schrie, und alle Tiere kamen und beklagten das Hühnchen, und sechs Mäuse bauten einen kleinen Wagen, das Hühnchen darin zu Grabe zu fahren. Und als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor, und das Hähnchen fuhr.
Auf dem Wege .aber kam der Fuchs: "Wo willst du hin, Hähnchen?" -
"Ich will mein Hühnchen begraben." -
"Darf ich mitfahren?"
"Ja, aber setz dich hinten auf den Wagen, vorn können's meine Pferdchen nicht vertragen!"
Da setzte sich der Fuchs hinten auf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Tiere in dem Wald.

So ging die Fahrt fort, da kamen sie an einen Bach.
"Wie sollen wir nun hinüber?", sagte das Hähnchen.
Da lag ein Strohhalm am Bach, der sagte: "Ich will mich, quer darüber legen, so könnt ihr über mich fahren."
Wie aber die sechs Mäuse auf die Brücke kamen, rutschte der Strohhalm und fiel ins Wasser, und die sechs Mäuse fielen alle hinein und ertranken.
Da ging die Not von neuem an, und es kam eine glühende Kohle und sagte: "Ich bin groß genug, ich will mich darüber legen, und ihr sollt über mich fahren."
Die Kohle legte sich auch an das Wasser, aber sie berührte es unglücklicherweise ein wenig, da zischte sie, verlöschte und war tot. Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen und legte sich über das Wasser.
Da zog nun das Hähnchen den Wagen selber. Als es ihn aber bald drüben hatte und mit dem toten Hühnchen auf dem Land war und die andern, die hinten aufsaßen, auch heranziehen wollte, da waren ihrer zuviel geworden, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinander in das Wasser und ertrank.
Da war das Hähnchen allein mit dem toten Hühnchen und grub ihm ein Grab und legte es hinein und machte einen Hügel darüber. Auf den setzte es sich und grämte sich so lange, bis es auch starb, und da war alles tot.

Wie düster diese Märchen doch oft sind. Eigentlich für kleine Kinder nicht geeignet, sofern man nicht hinterher darüber spricht und zu erklären versucht.

5. Oktober

Das Hühnchen und der Diamant

Ein verhungert Hühnchen fand
einen feinen Diamant
und verscharrt' ihn in den Sand.

"Möchte doch, mich zu erfreun",
sprach es, "dieser schöne Stein
nur ein Weizenkörnchen sein!"

Unglücksel'ger Überfluss,
wo der nötigste Genuss
unsern Schätzen fehlen muss!

Friedrich von Hagedorn

6. Oktober

Wilde Eierbirne

Wo genau sie herkommt ist unbekannt, aber sie ist in Süddeutschland sehr stark verbreitet. Man nennt sie auch Fischäckerin und Hosenbirne und sie ist leicht mit der Grünen Winawitz und der Knollbirne zu verwechseln. Die mittelgroßen, länglich eiförmigen Früchte reifen Ende September bis Anfang Oktober. Die Farbe der glatten Schale wechselt dann von lichtgrün auf gelb, sonnenseitig rötlich bis rötlichbraun. Um den Kelch ist meist eine ganzflächige Berostung zu sehen. Die hornartigen Kelchblätter stehen ab und sind an der Basis nicht verwachsen und der kurze Stiel ist leicht behaart. Das feinkörnige, süßherbe gelblichweiße Fruchtfleisch wird von innen heraus teigig. Dadurch und durch den Zuckergehalt von 15 Prozent ist sie eine sehr gute Most- und auch Dörrbirne. Der Baum mittelgroß, mit schöner, gleichmäßiger kugelförmiger Krone, ist ein landschaftsprägendes Obstgehölz. Typisch sind seine steil hochstehenden Äste mit kurzem, dickem Fruchtholz und den wildlederartigen Blütenknospen. Die mittelgroß bis großen, länglich eiförmigen Blätter sind anfangs noch behaart, später dann dunkelgrün glänzend und ganzrandig. Die Sorte blüht mittelfrüh und der Baum trägt früh, bringt regelmäßige Ernten und ist auch relativ resistent gegen den Feuerbrand.

7. Oktober

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand,
und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: „Junge, wiste 'ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam
der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
trugen von Ribbeck sie hinaus.
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
sangen „Jesus meine Zuversicht“,
und die Kinder klagten, das Herze schwer:
„He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
und voll Misstraun gegen den eigenen Sohn,
der wusste genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat.
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
und in der goldenen Herbsteszeit
leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
so flüstert's im Baume: „Wiste 'ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane

8. Oktober

Dass mir so die Seele leuchte

Sie, des Herbstes Geisteshelle
klärt und adelt die Gelände;
Erdenbreiten, Himmelswände
kost dieselbe lautre Welle.

O du glückversunken Säumen,
eh die Sommerfarben sterben!
O du letztes Liebeswerben
aus den unbegriffnen Räumen!

Dass mir so die Seele leuchte,
wenn ich einst des Winters werde!
Und in meines Auges Feuchte
spiegelt sich der Schmelz der Erde!

Christian Morgenstern

9. Oktober

Noch blühen sie, die Geranien, mal sehen wie lange noch:

Knutschfleckengeranie

Ein Dauerblüher für Balkon oder Terrasse, heißt sie in Fachkreisen "Angeleyes", was übersetzt "Engelsaugen" bedeutet. Durch ihre kugelige, kompakte, leicht überhängende Wuchsform und ihrem ungeheuren Blütenreichtum sieht sie wunderschön aus.
Massen von süßen kleinen Blüten mit Kuss-Mund-Gesichtern blühen von Mai bis Oktober. Botanisch ist die Knutschfleckgeranie eine Pelargonium zonale-Hybride und deshalb mit unserer normalen Balkongeranie verwandt. Daher auch pflegeleicht und anspruchslos. Die Engelsaugen brauchen sogar etwas weniger Wasser und Dünger. Trotzdem sollten sie nie austrocknen, aber schlimmer wäre es, die Erde zu nass zu halten, denn dann kann es zu Wurzelfäulnis kommen.
Während der Wachstumszeit alle zwei Wochen mit Flüssigdünger gießen, aber auch Langzeitdünger sind zur Nährstoffversorgung gut. An einen sonnigen und vor Regen geschützten Platz stellen, egal ob im Topf oder im Kasten. Nur nicht mit zu üppig wachsenden Pflanzen, die sich zu sehr ausbreiten.

10. Oktober

Was die Tiere lernen

Die Enten lernen schnattern,
die Fledermäuse flattern.
Die Hähne lernen krähen,
die Schafe lernen bähen.
Die Tauben lernen fliegen
und meckern alle Ziegen.
Die jungen Störche klappern,
die Stare lernen plappern.
Das Mausen lernt das Kätzchen,
und schmausen lernt das Spätzchen.
Die Alten zeigen, wie sie’s gemacht,
die Jungen folgen und geben acht
und machen es dann selber.

Die Bienen lernen sparen,
arbeiten und verwahren.
Die Spinnen lernen weben,
der Sperber übt das Schweben.
Die Fische lernen schwimmen,
Eichhörnchen lernen klimmen.
Das Brüllen lernt das Kälbchen
und bauen lernt das Schwälbchen.
Und Fink, Lerch’ und Nachtigall,
die Amseln und die Vögel all,
die lernen süßen Liederschall!
Die Alten zeigen, wie sie’s gemacht,
die Jungen folgen und geben acht
und machen es dann selber.

Volksgut

11. Oktober

Der Labrador Retriever

Er stammt von der kanadischen Ostküste der Gegend Neufundlands, half bei der Jagd und holte abgetriebene Fische aus dem Meer. Im 19. Jahrhundert wurde er von Fischern nach Großbritannien gebracht - und hier taufte man ihn Labrador, entsprechend seiner Herkunft - to retrieve bedeutet übrigens zurückholen, apportieren. Ein Retriever, also ein Apportierhund, hat im Allgemeinen ein weiches Maul, das heißt, er bringt die Beute unversehrt zu seinem Herrn.
Kaum in Großbritannien angekommen, wurde der Labrador schnell von jagenden Adligen angenommen. Von nun an legte man bei der Züchtung großen Wert auf seine jagdliche Leistungsfähigkeit.
Im 20. Jahrhundert wurde der Labrador-Retriever als eigenständige Rasse anerkannt.

12. Oktober

Hund in der Wüste

Ich bin allein auf weiter Flur,
nur Sand und Sand und Wüste nur.
Wohin ich schau kein Baum, kein Strauch,
mir ist so sonderbar im Bauch.
Ich möchte gern mein Beinchen heben
und irgendetwas von mir geben.
Doch rings ist alles flach und kahl.
Kein Eckchen, kein Laternenpfahl,
noch nicht einmal der kleinste Winkel,
wohin ich armer Köter pinkel.

Ja, wenn ich nur ein Bastard wäre,
aber so - geht's gegen die Hundeehre.
Ich bin als edler Hundesohn
ein Opferlamm der Tradition.
Bei meinen Ahnen war's so Brauch,
Parole d'honneur, so halt ich's auch.
Ich hätt längst mein Geschäft verrichtet,
doch alter Adel der verpflichtet.

Nun hüll ich mich in einen Traum,
erträum mir einen schönen Baum,
da mag es dann getrost passieren,
dafür kann ich nicht garantieren.
Im schönsten Frieden schlaf ich ein

und träume: Immer hoch das Bein!

Fred Endrikat 

13. Oktober

Meeresstille! Aus den Wellen
taucht hervor ein kluges Fischlein,
wärmt das Köpfchen in der Sonne,
plätschert lustig mit dem Schwänzchen.

Heinrich Heine

14. Oktober

Wo ist der Fisch?

Wo war der Fisch heute früh? Da plätscherte er noch lustig im klaren Bach herum, sein Schuppenkleid glänzte und die roten Flossen leuchteten in der Sonne. Er haschte nach den Gefährten, versteckte sich zwischen den Steinen und schoss dann wieder eilig mit der Strömung vorwärts. Gewiss hätte er gelacht und ein fröhliches Lied gesungen, wenn er nicht als Fisch stumm auf die Welt gekommen wäre. Als er von der Bewegung Hunger bekam, suchte er sich Würmchen auf dem Grund oder hob den Kopf aus dem Wasser und schnappte nach tanzenden Mücken; aber nur selten erwischte er eine. Plötzlich tanzte ihm ein auserlesener Leckerbissen vor den Augen, ein dicker, rötlich schimmernder Regenwurm. Er stutzte. Wo kam der her? Aber schon schossen die Fischlein von allen Seiten drauf los, da besann er sich nicht länger und schnappte zu. O weh! Ein Ruck und er zappelte in der Luft, zwei Knabenhände ergriffen ihn und warfen ihn in einen engen dunklen Raum, wo er schon mehrere seinesgleichen vorfand. Wohl war das ein Trost, aber wie sie auch alle mit den Schwänzen um sich schlagen mochten, sie konnten sich nicht befreien. Endlich aber öffnete sich die Tür doch einmal wieder; alle Gefangenen wurden herausgenommen und in einen großen Topf geworfen. Helle Kinderstimmen begrüßten jeden einzeln, besonders unsern schlanken Freund im Silberröckchen; aber die Mutter der Kleinen, die zusah, wie ihr Ältester die Fische auspackte, sagte: „Den Katzenfisch könnt ihr behalten!“ Da griffen die Kinderhände hastig nach ihm und als er sich wehrte und fortschnellte auf den Boden, wurde er eingefangen und in einen Kübel mit klarem Wasser geworfen, der im Hof stand. Patsch, lag das Fischlein wieder in seinem Element. Begierig sog’s das Nass ein, denn es war furchtbar durstig geworden, auch machte er gleich Schwimmversuche. Gradaus war die Strecke zu kurz, da stieß es sofort mit dem Kopf an die Wand, so schwamm es im Kreise herum und fand, dass es auch auf diese Weise ging. Eine Weile freuten sich die drei Kinder an seinen Bewegungen, dann berieten sie, wie sie sich eine Angelrute verschaffen konnten, um Fischen zu spielen und liefen davon.
Kaum waren sie fort und unser Fisch merkte eben, dass ihm von der ungewohnten Bewegung in die Runde anfing ganz schwindlig zu werden, da fühlte er, wie das Wasser schwankte und aufblickend, gewahrte er ein graues Ungetüm an der Wand des Behälters, das ihn mit grünlich schimmernden Augen starr betrachtete. Hu, wie er sich fürchtete!
„Miau!“, klang es langgezogen. Die grünen Augen folgten jeder Bewegung, dem armen Fisch wurde immer schwindliger, hilflos trieb er gegen die Holzwand. Da – ein leises Fauchen, das Ungetüm schnappte zu und lief mit dem Fischlein im Maul davon.
Fünf Minuten später umstanden die Kinder mit der Angelrute staunend das Holzgefäß. Wo ist der Fisch?“ – Ja, wo?

Wilhelm Kaulbach

15. Oktober

Am fließenden Wasser

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,
durchsichtig fließen die Wogen,
und senkrecht ob ihm hat sein Rund
ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn
zuhöchst im Himmelsdome;
Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht
ins Blaue durch seine Welle.
Ich glaube gar, das Sehnen zieht
eins an des andern Stelle!

Gottfried Keller

16. Oktober

Es muss ein Wunderbares sein
ums Lieben zweier Seelen,
sie schließen ganz einander ein,
sich nie ein Wort verhehlen,
und Freud und Leid
und Glück und Not
so miteinander tragen,
vom ersten Kuss bis in den Tod
sich nur von Liebe sagen.

Oskar von Redwitz

17. Oktober

Die Bibel sagt:

 "GOTT schuf den
Menschen am sechsten Tage und ruhte dann."
Aber jeder dieser sechs Tage dauerte viele Millionen Jahre.
Jener Ruhetag muss kurz gewesen sein,
der Mensch ist nicht ein Ende, er ist ein Anfang.
Wir stehen am Beginn der zweiten Woche.
Wir sind Kinder des achten Tages.

18. Oktober

In Statistiken liest man, dass sogar Selbstmorde unter Kindern zwischen fünf und zehn Jahren vorkommen.

Ein Beispiel: Das kleine Mädchen, fünf Jahre alt, spielte im Zimmer bei der Mutter, aber diese war nervös. Schaukle das Pferd nicht, Mama kriegt Kopfschmerzen davon. Aber was sollte das Kind tun? Es setzte sich an den Tisch und war still, um die Mama nicht zu ärgern. Aber ein Kind kann nicht immer still sein, es muss sich bewegen, vielleicht auch mal ein Lied singen und die kleinen "bösen" Füße schlugen den Takt gegen die Stuhlbeine.

Geh in die Küche zu Irene, du böses Kind! Aber das Kind war ja nicht böse und ungehorsam! Traurig in seinem kleinen Herzen ging es in die Küche, um brav zu sein. Irene aber wusch das Geschirr. So stand das Kind zwischen den beiden Räumen, von zwei Seiten ausgewiesen, zurückgestoßen und durfte nirgends sein.

Die Kleine war verzweifelt, ohne Tränen, aber unendlich einsam. Stumm, versteinert, als gebe es in der ganzen Welt kein Plätzchen für sie. Nur einen Augenblick stand das Mädchen so da, denn plötzlich leuchtete sein Gesicht auf und es näherte sich dem offenen Fenster hoch über der Erde.

Die Mutter sprang auf, nahm ihr Kind in die Arme und spielte voller Reue den ganzen restlichen Tag mit ihm.

19. Oktober

Kindersegen

Kinderlachen hallt durch' Haus,
Freude und Frohsinn breitet sich aus.
Sie raufen, sie schreien, sie toben,
man muss sie tadeln oder loben.

Es ist als würde das Haus lebendig,
doch es gibt Nachbarn,
die sind da empfindlich.
Sie schreien, sie tadeln, sie toben,
sie würden niemals loben.

Es gibt viele Menschen,
in der heutigen Zeit,
denen Kinderlachen leider
nicht ihr Herz erfreut.
Sie wissen nicht was Kinder bedeuten,
sie kennen nicht die Elternfreuden.

Sie denken Kinder sind eine Plage,
nicht des Lebens schönste Gabe.
Was kann es schöneres geben im Leben,
als die Erschaffung eines
neuen Lebens.

Doch leider ist es nicht jedem gegeben,
die Erschaffung eines neuen Leben.
Deshalb kann man es nicht versteh'n,
Kinder als notwendiges Übel anzuseh'n.

???

20. Oktober

Die Geschichte vom Suppenkaspar

Der Kaspar, der war kerngesund,
ein dicker Bub und kugelrund,
er hatte Backen rot und frisch;
die Suppe aß er hübsch bei Tisch.

Doch einmal fing er an zu schrei'n:
Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess' ich nicht!

Am nächsten Tag - ja, sieh nur her!-
da war er schon viel magerer!
Da fing er wieder an zu schrei'n:
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess' ich nicht!

Am dritten Tag, o weh und ach!
Wie ist der Kaspar dünn und schwach!
Doch als die Suppe kam herein,
gleich fing er wieder an zu schrei'n.
Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess' ich nicht!
Am vierten Tage endlich gar
der Kaspar wie ein Fädchen war.
Er wog vielleicht ein halbes Lot
und war am fünften Tage tot.

Heinrich Hoffmann

21. Oktober

Keins von allen

Wenn du dich selber machst zum Knecht,
bedauert dich niemand, geht’s dir schlecht;
Machst du dich aber selbst zum Herrn,
die Leute sehn es auch nicht gern;
Und bleibst du endlich, wie du bist,
so sagen sie, dass nichts an dir ist.

Johann Wolfgang von Goethe

22. Oktober

Klugheit wagt keinen hohen Flug,
hält sich in sicherem Gleise.
Ihr eigenes Wohl ist ihr genug -
Weisheit zieht größere Kreise.
Der weise Mann ist selten klug
und der kluge selten weise.

Friedrich von Bodenstedt

23. Oktober

Die Tragik des Lebens

Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wieder küssen.
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er vergebens,
das ist die Tragik des Lebens!

Joachim Ringelnatz

24. Oktober

Guten Morgen,

ich bin's doch bloß, Dein heutiger Tag.  
Nun, war eh' in der Gegend und dachte mir,  
ich schaue mal kurz durch den Bildschirm bei Dir hinein.  
Gut siehst Du aus - na ja, ich will mal ehrlich sein ...  
ein bisschen verschlafen noch.  
Aber doch ... gut siehst Du aus heute!
 
Nun lächle doch mal und mach nicht so ein Gesicht!  
Passiert Dir ja schließlich nicht jeden Tag,  
dass der Tag vorbeikommt, um Dir guten Tag zu sagen ... oder?
 
Sooo, jetzt ist's schon besser – siehst viel sympathischer aus,  
wenn Du lächelst, ehrlich!
 
Schließlich lache ich zurück, wenn man mich anlächelt ... 
so ist dies nun mal mit uns Tagen ...
 
Na, gefall ich Dir?

Okay, okay - ich bin noch jung,
noch Morgen, aber wart's nur ab,  
heute werd ich wunderschön, prächtig und unterhaltsam ...  
das heißt ... nur wenn du mitmachst;  
und wenn ich dann erst mal Abend werde ...  
ich kann Dir sagen, begeistert wirst Du sein, ja begeistert!
 
Lob mich doch ein bisschen und sag jetzt bloß nicht,  
man soll dies nicht vor dem Abend tun ...  
sei mal nicht so misstrauisch ...  
wäre ich denn sonst persönlich bei Dir aufgetaucht?
 
Beug Dich lieber ein bisschen vor und sag:  
Guten Tag! lieber Tag,  
schön, dass Du heut so schön bist ...  
und dann flüstere mir Deinen heutigen Wunsch zu ...  
vielleicht werde ich ihn Dir erfüllen ...
 
Schließlich bin ich ein guter Tag!

Nun, dann mach es dir schön  
und genieße mich, Deinen Tag.

Bekam ich von einer Freundin

25. Oktober

Der Herbst streut weiße Nebel aus,
es kann nicht immer Sommer sein!
Der Abend lockt mit Lampenschein
mich aus der Kühle früh ins Haus.

Bald stehen Baum und Garten leer,
dann glüht nur noch der wilde Wein
ums Haus, und bald verglüht auch der.
Es kann nicht immer Sommer sein.

Was mich zur Jugendzeit erfreut,
es hat den alten frohen Schein
nicht mehr und freut mich nimmer heut -
Es kann nicht immer Sommer sein.

O Liebe, wundersame Glut,
die durch der Jahre Lust und Müh’n
mir immer hat gebrannt im Blut -
O Liebe, kannst auch du verglüh’n?

Hermann Hesse

26. Oktober

Ewig jung ist nur die Sonne

Heute fanden meine Schritte mein vergessnes Jugendtal,
seine Sohle lag verödet, seine Berge standen kahl.
Meine Bäume, meine Träume, meine buchendunkeln Höhn -
ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.

Drüben dort in schilf‘gem Grunde, wo die müde Lache liegt,
hat zu meiner Jugendstunde sich lebend‘ge Flut gewiegt,
durch die Heiden, durch die Weiden ging ein wandernd Herdgetön -
ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.

Conrad Ferdinand Meyer

27. Oktober

„Solange der Adler jagt und fliegt, lebt diese Welt.

Doch fliegt und jagt der Adler nicht mehr, stirbt diese Welt."

Indianische Weisheit

28. Oktober

Glücklichsein - eine Frage der Einstellung

Jeder Mensch kann sich verändern. Es kann aus einem ehemaligen Schüler ein erfolgreicher Geschäftsmann werden und aus einem Mauerblümchen eine schöne Frau. Lange Zeit galten solche Persönlichkeitsveränderungen als unmöglich. Mittlerweile gibt es aber Hinweise aus der Positiven Psychologie, dass viele Charaktermerkmale auf erlernte Gewohnheiten zurückgehen, neue Erfahrungen aber mit einem anderen Verhalten möglich sind.

Optimistisch sein: Ist ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas halbleer oder halbvoll? Auf Glücksmomente achten und täglich positive Dinge tun: hilfsbereit sein, sich ein Lob merken und evtl. im Tagebuch aufschreiben, wie man in Zukunft seine Lebensumstände verbessern könnte.

Herausfinden was einen wirklich interessiert und Spaß macht, sich daran orientieren und diese Dinge ausführen.

Freude empfinden und sich nicht nur glücklich fühlen, wenn alles gut läuft. Bewältigt man Probleme und Rückschläge hat man Grund zur Freude. Erfolge mit anderen teilen, öfters feiern - auch ohne Grund.

Mut hat mit Entschlossenheit zu tun, nicht nur mit Ängstlichkeit. Will man eine Veränderung, andere Menschen ansprechen, tätig werden, denn Mut kann man lernen.

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